18. Februar 2021

Autoindustrie kämpft jetzt auch mit Stahlmangel

Nach dem Mikrochip-Mangel, fehlt der Automobilindustrie jetzt auch noch der Stahl. Vor allem Flachstahl ist Mangelware. Drohen jetzt erneut Produktionsengpässe und Lieferschwierigkeiten?

Autoindustrie kämpft jetzt auch mit Stahlmangel

Seit Dezember kämpft die Automobilindustrie mit einem Mangel an Mikro-Chips.

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Nicht nur die Corona-Krise, Lockdowns und Kurzarbeit machen der Automobilindustrie aktuell das Leben schwer, auch ein Mangel an Bauteilen stellt die Hersteller vor grosse Herausforderungen und jetzt fehlt auch noch der Stahl. Aber der Reihe nach.

 

Kurz vor Weihnachten machte Volkswagen in China bekannt, dass ein Mangel an Mikrochips bestehe. Rasch hat sich diese Problem auf die gesamte Autoindustrie ausgeweitet. Fast alle grossen Hersteller sind mittlerweile davon betroffen. In den USA hatten General Motors und Ford zuletzt angekündigt, halbfertige Autos zwischenzuparken, bis die nötigen Chips geliefert werden.

 

Die Autobauer hatten während des ersten Lockdowns ihre Produktion heruntergefahren und in den Wochen danach alles unternommen, um den Geldabfluss möglichst gering zu halten. Dabei hätten sich die Unternehmen zu sehr auf Kosteneffizienz konzentriert anstatt ihre Lieferbeziehungen auf mehrere Beine zu stellen, sagen Experten.

 

Eine Ursache sehen Experten vor allem darin, dass die Automobilindustrie für die Chiphersteller eine geringere Rolle spielt als die Unterhaltungselektronik und Telekommunikation. Während des Lockdowns sei die Nachfrage nach Laptops, Handys und Spielekonsolen sprunghaft gestiegen. Dazu habe auch der Trend zum Homeoffice beigetragen. Eine gängige Erklärung lautet daher, dass die Halbleiterhersteller ihre Kapazitäten auf diese Kunden konzentriert hätten, als die Autobranche die Produktion wegen der Pandemie zurückfuhr.

 

Da die Neuwagenverkäufe nach dem ersten Lockdown aber wieder schneller anzogen als erwartet, stieg auch die Nachfrage nach Halbleitern. Doch die Hersteller elektronischer Bauteile können derzeit nicht so viel liefern, wie nachgefragt wird. Die Firmen benötigten ein paar Monate, um ihre Produktion wieder auf die höhere Nachfrage umzustellen, heisst es beim Branchenverband AZVEI. Schneller gehe es leider nicht.

 

Den Autoherstellern fehlen insbesondere die sogenannten Mikrocontroller. Das sind kleine Ein-Chip-Computer für ganz bestimmte Aufgaben. Diese Bauteile werden in zahllosen elektrischen Geräten verwendet, von Autos über Fernseher bis hin zu Waschmaschinen. Bei Volkswagen beispielsweise fehlen die Chips in den Steuergeräten für das Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP). In Elektrofahrzeugen werden noch mal mehr Halbleiter benötigt als in einem Fahrzeug mit Verbrennungsmotoren.

 

Der Mangel an Halbleitern führte bei Daimler, Volkswagen und Audi im Januar bereits zu Produktionsunterbrechungen. Bei Audi standen bis Ende Januar gleich zwei Montagelinien still, auf denen sonst Modelle der Reihe A4 und A5 gebaut werden. Rund 90'000 Mitarbeiter wurden in dir Kurzarbeit geschickt. Wie lange das noch anhält, steht noch nicht fest. Klar ist, Experten gehen davon aus, dass der Chipmangel noch bis ins dritte Quartal 2021 reichen wird. Auch bei Volkswagen stockt die Produktion. Seit Dezember stehen die Bänder aufgrund des Chipmangels immer wieder still. Erst war nur die Golf-Produktion betroffen, später auch die Tiguan-Fertigung. Die Passat-Fabrik im ostfriesischen Emden wurde gleich für zwei Wochen geschlossen.

 

Halbleiter-Experte Marcus Gloger schätzt gegenüber dem Handelsblatt, dass im ersten Quartal weltweit 600’000 Autos wegen des Chipmangels nicht produziert werden können. Auf Deutschland würde davon rund ein Viertel entfallen. «Praktisch die gesamte Halbleiterindustrie kann aktuell nicht ausreichend liefern», sagte der Partner bei Strategy&, der Strategieberatung von PwC.

 

Vor wenigen Tagen gab sich Volkswagen zuversichtlich, dass sich die Lage entspannen wird. Im zweiten Halbjahr dürfte es überhaupt keine Probleme mehr geben. Die Beschäftigten müssten sich dann wahrscheinlich auf Zusatz- und Sonderschichten etwa an den Wochenenden einstellen, um die Rückstände aus der ersten Jahreshälfte aufzuholen, gab der VW-Betriebsrat bekannt.

 

Als Konsequenz aus dem Chipmangel wollen die Wolfsburger die Versorgung mit Halbleitern künftig durch direkte Absprachen mit den Herstellern absichern. Üblicherweise schliessen die Autobauer Verträge über Bauteile mit grossen Zulieferern wie Bosch und Continental, die die Versorgung mit Chips mit ihren Lieferanten aus der Halbleiterindustrie regeln.

 

Toyota und BMW zählen im Moment zu wenigen Autoherstellern, bei denen die Produktion ungehindert weiterläuft. So haben die Münchener bereits in der Vergangenheit eigene Lieferverträge mit Chipproduzenten abgeschlossen. Die Lagerhaltung, die die Autohersteller wegen der zusätzlichen Kosten eigentlich vermeiden wollen, schlägt bei den Chips wegen ihrer geringen Grösse nicht sonderlich zu Buche.

 

Damit aber nicht genug, jetzt fehlt der Automobilindustrie auch noch der Stahl. Eine Umfrage des Industrieverbands Blechumformung zeigt, dass es Engpässe beim Stahl gibt. Das bestätigt entsprechende Aussagen des Wirtschaftsverbands Stahl- und Metallverarbeitung. So hätten knapp 90 Prozent der Zulieferer Beschaffungsprobleme. Die Lieferzeiten gingen weit ins neue Jahr hinein: Stahl – vor allem Flachstahl – ist Mangelware.

 

Als Folge rechne ein Grossteil der Betriebe mit erneuten Produktionsunterbrechungen. Angebot und Nachfrage hätten sich unterschiedlich entwickelt. Einfuhrbeschränkungen erschwerten, auf Stahl aus Drittländern auszuweichen. «Dieser Versorgungsengpass gefährdet den Erholungsprozess bei Zulieferern und Automobilherstellern», so IBU-Geschäftsführer Bernhard Jacobs in einer Mitteilung des Industrieverband Blechformung, IBU.

 

Die Stahllager sind leer. Das Wiederhochfahren der Produktion verlief holprig, die Unternehmen sind teilweise weiter in Kurzarbeit, produzieren noch immer nicht analog zur Nachfrage. Und scheuen sich nicht, vertraglich zugesicherte Volumina eigenständig zu reduzieren. Die Suche nach Deckungskäufen oder gar Zusatzmengen verläuft für Zulieferer nahezu chancenlos. «Dadurch ausgelöste Produktionsstopps wären eine Vollbremsung für den wirtschaftlichen Erholungsprozess», fürchtet Bernhard Jacobs in einer Mitteilung.

 

Der Verband spricht für über 240 stahlverarbeitende Unternehmen und fordert schnelle Lösungen. Jacobs: «Viele Zulieferer sind schon jetzt nicht mehr in der Lage, ihre Kunden termingerecht zu bedienen. Erste juristische Konsequenzen sind bereits sichtbar.»

 

Der Verband fordert nun dringend eine Anpassung von Nachfrage und Produktion. Es sei in diesem Zuge unverständlich, dass die Europäische Kommission Stahlimporte aus der Türkei mit Zöllen belege. Jacobs: «Das forciert den Engpass weiter und macht die Anpassung der EU-Stahlherstellung an die Nachfrage noch wichtiger.» (ir)



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